German
Anregungen zur seelischen Verarbeitung des 11. 9. 2001
ein Artikel von Amy und Arnold Mindell
(übersetzt und gekürzt von Ursula Hohler)
1. Grundlagen für die Arbeit an der gegenwärtigen
Situation
Wenn Sie für sich selbst an grossen Themen arbeiten, leisten Sie auch
kollektive Arbeit. Diese Annahme liegt allen Empfehlungen und Anregungen
dieses Artikels zugrunde.
Nehmen Sie das vorhandene Leid und alle Verletzungen zur Kenntnis und erinnern
Sie sich daran, dass es Zeit braucht, zu trauern und Gefühle zu verarbeiten.
Gedanken über Rache dienen manchmal dazu, Gefühle nicht fühlen
zu müssen.
Vergessen Sie die weltweite Perspektive nicht, wenn Sie sich mit einer einzelnen
Situation beschäftigen: die Hoffnungen auf eine Zukunft und ein gutes
Leben für alle.
Nehmen Sie sich Zeit für diese Arbeit. Lassen Sie vorschnelle Polarisierungen
wieder los, denken Sie daran, dass jeder einzelne verletzte, zornige Mensch
potenziell gefährlich ist, vergessen Sie nicht, dass äussere Aggressoren
immer auch spiegeln, wie es in Ihrem eigenen Inneren aussieht oder zu irgendeinem
Zeitpunkt in Ihrem Leben ausgesehen hat.
Versuchen Sie achtsam zu sein, und ihre Aufmerksamkeit dafür einzusetzen,
alle vorhandenen Anliegen wahrzunehmen und keines zu unterdrücken. Wer
gehört und nicht unterdrückt wird, muss keine terroristische Energie
entwickeln.
Erinnern Sie sich an eine Zeit, in welcher Sie unterdrückt wurden und
zu einem wütenden "Terroristen³ wurden, erinnern Sie sich daran,
wie Sie anderen dasselbe angetan haben und was dabei herauskam.
Wenn Sie sich an Momente erinnern können, in denen Sie terroristische
Gefühle entwickelten und andere soweit brachten, zu "Terroristen³ zu
werden, sind Sie für die nächsten Schritte bereit. Wenn Ihnen keine
solchen Momente erinnerlich sind, wird ein Weitergehen in dieser Arbeit vermutlich
weniger Wirkung haben.
2. Der Umgang mit "Autoritäten"
Denken Sie daran, dass Sie selber eine Autorität sind, einfach weil
Sie daran sind, Bewusstheit zu entwickeln. Sehr viele Menschen sind sich
nicht über die Tatsache im klaren, dass man immer auch über sich
selber spricht, wenn man über andere und die Welt spricht. Menschen,
die als "äussere Autoritäten³ in der Verantwortung einer
politischen Funktion stehen, haben häufig wenig über Bewussheit
gelernt. Sie stehen mitten im Kreuzfeuer des öffentlichen Lebens. Sie
sollten für beide
Seiten das Richtige tun: für diejenigen, die Rache wollen und für
diejenigen, welche sich für Nachhaltigkeit und Liebe einsetzen. Wenn wir
mit politischen Autoritäten Kontakt aufnehmen wollen, müssen wir
ihr Dilemma zur Kenntnis nehmen und mitfühlen.
Bringen Sie das, was Sie zu sagen haben als zusätzliche Information vor,
rennen Sie bereits vorhandene Meinungen und Methoden nicht einfach über
den Haufen. Denken Sie daran, dass plakatives Denken eine erste Reaktion ist,
die Sie auch von sich kennen.

3. Das grössere Ziel
Tief in ihrem Innern tragen auch Sie Visionen und Sehnsüchte für
die Zukunft der Menschheit und des Planeten Erde . Formulieren Sie diese
ganz persönlichen Visionen jetzt. Denken Sie darüber nach, wie
diese Visonen noch mehr in allem, was Sie tun, einbezogen werden könnten.
Eine Vision ohne modellhafte Umsetzung bewirkt nichts, rufen Sie sich in
Erinnerung, dass Sie mit allem, was Sie tun als Vorbild wirken.
4. Die Natur des "Terroristen"
Das grösste Problem scheint für viele von uns zu sein, die Energie
und Motivation der Terroristen zu verstehen.
Wann immer Sie oder irgendjemand zum zornigen Terroristen werden, der verletzen
und vergelten will, ohne etwas für diejenigen zu fühlen, die verletzt
werden, wird etwas sichtbar, das alle menschlichen Wesen irgendeinmal erleben.
Der "Terrorist³ oder "die Terroristin³ ist Ihnen nicht
unbekannt. In einem verletzten Bewusstseinszustand werden wir alle zu Terroristen.
Ein Aspekt der Terroristenrolle ist derjenige des Freiheitskämpfers, der
eine neue, bessere und gerechte Welt für sich selbst und seine Ideen will.
Ein anderer Aspekt ist derjenige des spirituellen Suchers, der ein Ziel gefunden
hat, welches sogar grösser ist als das Leben selbst und das eigene Leben
unwichtig werden lässt.
Auch der Terror selbst ist ein Aspekt. Angst und Terror sind sich sehr nahe.
Terror entsteht aus der in Wut umgeschlagenen Angst, von einem omnipotenten
Gegner vernichtet zu werden und aus dem ekstatischen Gefühl, vom Opfer
zum Aggressor zu werden.
Auf diese Art sind der Terroristen zu einem Spiegelbild dessen geworden, was
sie am meisten hassen. Sie sind ein Produkt der Hoffnungslosigkeit, welche
daraus entsteht, dass niemand zuhören und verstehen will.
5. Die Natur des "Opfers"
Das Opfer (wie am 11. 9. die USA) ist angegriffen worden und identifiziert
sich mit dieser Rolle. Der Terrorist sieht das Opfer als Täter.
Um das zu verstehen, was ich jetzt sage, braucht es Kontakt mit allen Gefühlen.
(Anmerkung der Uebersetzerin: Es ist auch zu bedenken, dass hier von der angegriffenen
Grossmacht USA die Rede ist und nicht von den tragischen Einzelschicksalen).
Wenn das "Opfer³ ausschliesslich in der Opferrolle bleibt, vernachlässigt
es dadurch die eigene Verantwortung und seine Mitschuld am Entstehen des Terrorismus
durch seine eigene Unbewusstheit. Das Opfer trägt eine Mitverantwortung
für den Angriff, weil es nicht bereit oder unfähig war, auf den Terroristen
einzugehen und die Signale seines Unglücks oder seiner Unzufriedenheit
wahrzunehmen, als diese noch weniger verzweifelt und gefährlich waren.
Ständiges Ignorieren, Unterdrücken, Dominieren und Besserseinwollen
schafft mehr Regeln, Gesetze, Polizei, Militär und schliesslich Krieg.
Wichtig ist, dass wir wacher werden, es geht nicht darum, irgendjemanden zu
verurteilen. Nichts passiert einfach so aus blauem Himmel, die Wolken waren
schon Tage, Monate und Jahre da, während jedermann vorgab, das Wetter
sei herrlich.
Alle diese Einsichten über die Opferrolle sind üblicherweise erst
im Rückblick möglich. Wenn wir es mit einem Terroropfer zu tun haben,
müssen wir zuerst auf sein Erleben und sein Selbstverständnis vom
unschuldig Angegriffenwerden eingehen. Wir müssen auch vorbereitet sein
auf das tdliche
Bedürfnis nach Rache an den Terroristen. Erst wenn wir Mitgefühl
für diese Einseitigkeit entwickelt haben, können wir den nächsten
Schritt machen.
(Solange Sie sich der Aggressivität beider Parteien spirituell überlegen
fühlen, sollten Sie nichts unternehmen. Dann sind Sie selbst immer noch
im Krieg und werden das Problem nur vergrössern und nicht lösen helfen.)
6. Einfluss nehmen
Wenn Sie nicht direkt Einfluss auf das Militär nehmen oder Friedensarbeit
machen können, wenn Sie keine Präsidentin und kein Machthaber sind,
können Sie doch in ihrer eigenen Gruppe diskutieren, sich über
e-mail oder die lokalen Medien zu Wort melden oder NachbarInnen ansprechen.
Denken Sie daran, dass der Krieg überall ist, nicht nur auf einem dafür
bestimmten Schlachtfeld. Immer wenn Sie an den Terror denken, ist er präsent,
alle Formen von innerer und äusserer Auseinandersetzung mit dem Thema
wirken auf indirekte Weise auf die ganze Welt.
7. Wie alles zusammenkommt.
Nachdem Sie sich jetzt umfassend vorbereitet haben, versuchen Sie das Folgende.
Benutzen Sie Ihr Wissen über den Zustand des Terroristen und des Opfers.
Sprechen Sie, fühlen Sie und agieren Sie für jede Seite, immer eine
aufs mal.
Das Gleiche können Sie auch mit anderen zusammen als Gruppe ausprobieren,
oder vielleicht finden Sie Zugang zu den Medien und können eine Art "Weltarbeit³ versuchen.
Sprechen Sie als Terrorist oder als Terroristin von Ihrem Hass, von der Geschichte.
Sprechen Sie über Dinge, die Ihnen wichtiger sind als das Leben.
Dies ist nicht nur ein Rollenspiel, es muss ein echtes Gefühl sein, das
Ihren Körper bewegt.
Wenn Sie dazu bereit sind, wechseln Sie die Rolle. Sprechen Sie jetzt als gemartertes
Opfer. Sprechen Sie über Ihren Schock und warnen Sie davor, dass Sie Vergeltung üben
werden. Beschreiben Sie Ihre Sehnsucht nach friedlichen, ruhigen und liebevollen
Beziehungen und sprechen Sie über die persönlichen und sozialen Privilegien,
an die Sie gewöhnt sind.
Wenn Sie im gegenwärtigen Fall die USA spielen, versuchen Sie die Essenz
von New York darzustellen. Fühlen Sie in sich den Traum ein Heim, ein
offenes Tor für die Unterdrückten zu sein, erinnern Sie sich an die
Vision der Demokratie, reden Sie für 250 Millionen Menschen über
den Hoffnungsfaden, der sie zusammenhält, der sie manchmal zu einem unbewussten
Monster macht, aber auch ein Potenzial hat, sogar diejenigen aufzunehmen, die
sie angegriffen haben.
Es könnten erstaunliche und unvorhersehbare Dinge geschehen.
Begrenzen Sie die Auseinandersetzung zwischen diesen Teilen auf höchstens
zwei Stunden, dann lassen Sie alles los.
Geben Sie sich Zeit, das Erfahrene wirken zu lassen, gestalten Sie es auf Ihre
eigene Weise.

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